Lokale Folgen

Lokale Folgen

Das bedroht unser aller Gesundheit, wertvolle Ökosysteme und den regionalen Wasserhaushalt. In der Lausitz müssen zudem ganze Ortschaf ten den Kohlebaggern weichen. Für den Schutz von Klima, Umwelt und Gesundheit fordern wir deshalb vom Berliner Senat und der brandenburgischen Landesregierung neue Tagebaue sowie Tagebauerweiterungen in der Lausitz im gemeinsamen Landesentwicklungsplan auszuschließen. Außerdem muss das Berliner Braunkohlekraftwerk Klingenberg wie angekündigt so schnell wie möglich stillgelegt werden.

Sulfat: Gefahr für Berliner Trinkwasserversorgung

Das Wasserwerk Friedrichshagen am Müggelsee, das ein Viertel der BerlinerInnen mit Trinkwasser versorgt, entnimmt seinen Rohstoff größtenteils aus dem Uferfiltrat der Spree. Dort wird der offizielle Grenzwert von 250mg/l für Sulfat im Trinkwasser immer öfter überschritten. Aktuelle Messdaten belegen, dass die Werte im Müggelsee im Sommer 2015 dauerhaft über 250 mg/l lagen und teilweise sogar 300 Milligramm überschritten – Tendenz steigend. Schuld an den erhöhten Sulfatwerten sind die Braunkohletagebaue in der Lausitz: Durch den Kohleabbau verbinden sich Schwefel und Sauerstoff zu Sulfat, das über das Grundwasser in Flüsse und Seen gelangt.

Zu hohe Sulfatkonzentrationen können zu Verdauungsstörungen, Erbrechen und Durchfallerkrankungen führen, insbesondere bei Risikogruppen wie Säuglingen, Kleinkindern und chronisch Kranken. Ferner drohen auch Wasserpflanzen, kleine Flusstiere und Fische ab einer bestimmten Konzentration großflächig zu sterben. Schließlich kann das Sulfat  – vergleichbar mit Frostschäden  – Rohrleitungen und Betonbauwerke wie Brücken angreifen. Um die Sulfat-Grenzwerte im Berliner Trinkwasser einhalten zu können, wird das hoch belastete Spreewasser schon heute teilweise mit weniger belastetem Wasser verdünnt. Doch das ist, unter anderem aufgrund der Klimaerwärmung, nicht unbegrenzt möglich. In einem gemeinsamen Bericht der Länder Berlin und Brandenburg heißt es deshalb: „Durch die steigende Sulfatkonzentration in der Spree besteht eine Gefährdung der Berliner Trinkwasserversorgung“. Der Berliner Senat geht davon aus, dass sich die Wasserpreise aufgrund der hohen Sulfatbelastung um bis zu 6 Cent pro Kubikmeter verteuern könnten. Laut Presseberichten hielt die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die für die Sanierung der zerstörten Braunkohlelandschaften zuständig ist, lange Zeit eine Studie unter Verschluss, die eindeutig aufzeigt, dass der Braunkohletagebau die hauptsächliche Sulfatquelle darstellt. Aus der Studie geht zudem hervor, dass die Verunreinigung keineswegs nur auf stillgelegte Tagebaue zurückgeht, sondern zum Großteil aus der gegenwärtigen Braunkohleförderung stammt.

Eisenocker: Braune Spree und bedrohte Tierarten

Wer in letzter Zeit einen Ausflug zum Oberlauf der Spree gemacht hat, musste eine böse Überraschung erleben: Die einst klaren Gewässer gleichen einer braunen Soße. Was ist geschehen? Für den Braunkohletagebau in der Lausitz wird der Grundwasserspiegel weiträumig abgesenkt. Dadurch kommt im Boden gelagerter Pyrit mit Luft in Berührung und verwittert. Steigt das Grundwasser wieder, gelangt der so entstandene Eisenocker in die Seen und Flüsse der Lausitz. Die Folge: braunes Waser wie im Spreewald. Für Menschen sind die sogenannten Eisenhydroxide ungefährlich. Doch die sensiblen Ökosysteme im Spreewald und anderen Auenlandschaften sind existenziell bedroht. Denn die feinen Ockerschlammpartikel lagern sich ab und ersticken Insektenlarven, Muscheln, Krebstiere und Wasserpflanzen. Dadurch finden viele Fischarten kaum noch ausreichend Nahrungsquellen, so dass auch seltene Vögel wie Schwarzstorch und Eisvogel und gefährdete Tierarten wie der Fischotter zu verschwinden drohen. Aufgrund des getrübten Naturerlebnisses sind außerdem tausende Arbeitsplätze in der regionalen Tourismusbranche in Gefahr. Auch die traditionelle Spreewaldfischerei und die Landwirtschaft sind betroffen. Wenn keine massiven Gegenmaßnahmen ergriffen werden, könnte der Ockerschlamm uns noch die nächsten 100 Jahre beschäftigen. Doch weder Wirtschaft noch Politik lassen bislang ein entschiedenes Handeln erkennen. Im Gegenteil: Der BUND deckte im Juni 2016 auf, dass das zuständige brandenburgische Landesbergbauamt jahrelang überhöhte Eisen-Messwerte tolerierte. Mehr noch: Als die Messwerte an den genehmigten Punkten zu hoch stiegen, verlegte Vattenfall mit dem Segen der zuständigen Behörden die Entnahmestellen für die Proben. Auch nachträglich geschaffene illegale Einleitstellen wurden von der Behörde stillschweigend toleriert.                       

kohlekraft macht krank        Foto: Erik Marquardt

Quecksilber: Gift für Babynerven

Deutschland verursacht mit ca. 10 Tonnen im Jahr den höchsten Quecksilber-Ausstoß in ganz Europa. Kohlekraftwerke sind mit einem Anteil von 70 Prozent die mit Abstand größte Quelle, das gilt besonders für die besonders dreckige Braunkohle. Auch die Berliner Kohlekraftwerke emittieren jährlich etliche Zentner des giftigen Schwermetalls. Das einmal freigesetzte Quecksilber breitet sich großflächig in der Umwelt aus. Zahlen der Bundesregierung zufolge übersteigt die Quecksilberbelastung aller deutschen Flüsse das zulässige Maß bei weitem. Quecksilber gelangt vor allem über die Nahrung in den menschlichen Körper und reichert sich dort an. Besonders gefährdet sind Ungeborene und Kleinkinder. Das Bundesumweltministerium empfiehlt schwangeren und stillenden Frauen deshalb auf den Verzehr bestimmter Fischarten zu verzichten. Denn Quecksilber kann die Entwicklung von Kindern bereits im Mutterleib stören und irreversible Schäden an lebenswichtigen Organen und dem zentralen Nervensystem anrichten. Jedes dritte neugeborene Kind in Europa ist bedenklich hohen Dosen von Quecksilber ausgesetzt. Dabei wäre die Reduktion des Quecksilberausstoßes aus Kohlekraftwerken durch eine technische Nachrüstung problemlos möglich, wie die Beispiele China und USA zeigen. Doch nicht nur die Bundesregierung könnte hier aktiv werden. Ein im Auftrag von Bürgerbegehren Klimaschutz erstelltes Rechtsgutachten zeigt, dass das Land Berlin die Betriebsgenehmigungen der Berliner Kohlekraftwerke einschränken oder sogar entziehen könnte und müsste, um die nach europäischem Wasserrecht geltenden Quecksilber-Grenzwerte nicht zu überschreiten.

Feinstaub: Verfrühter Tod durch Emissionen

Feinstaub zählt zu den gefährlichsten Stoffen, die Kohlekraftwerke jeden Tag in großen Mengen in die Luft blasen. Aufgrund der hohen Schornsteine verteilen sich die Luftschadstoffe im Umkreis von mehreren hundert Kilometern, auch über Staatsgrenzen hinweg. Mehr als 4000 frühzeitige Todesfälle gehen laut einer Studie verschiedener europäischer Gesundheits- und Umweltorganisationen allein in Deutschland jedes Jahr auf das Konto von Kohlekraftwerken. Sechs der 30 gesundheitsschädlichsten Kohlemeiler in Europa stehen in Deutschland, darunter zwei in der Lausitz. Feinstaub, der über die Lunge in den Blutkreislauf gerät, kann die Ursache für Atemwegserkrankungen, Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein. Kinder, ältere Menschen und chronisch Kranke sind besonders gefährdet. Nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur (EUA) sind 80 bis 90 Prozent der Stadtbevölkerung in Europa höheren Feinstaubdosen ausgesetzt als von der WHO empfohlen. Berlin bildet da keine Ausnahme: Vor allem an den innerstädtischen Messstationen werden die Grenzwerte für Feinstaub seit Jahren systematisch überschritten. Zwar gehen diese Werte in erster Linie auf den Autoverkehr zurück, doch das ändert nichts an der gesundheitsschädlichen Wirkung der Berliner Kohleschlote. Denn der in den Berliner Kohlekraftwerken fabrizierte Feinstaub sorgt dann eben in den angrenzenden Regionen für schlechte Luft.

Umsiedelungen: Kohle zerstört Dörfer

Über die Schadstoffbelastungen hinaus werden in der Lausitz auch heute noch ganze Dörfer abgebaggert und tausende Menschen für den Braunkohleabbau zwangsweise umgesiedelt. Für die Tagebaue Welzow-Süd II, Nochten II (Sachsen) und Jänschwalde Nord laufen gegenwärtig Planverfahren. Werden die geplanten Tagebaue tatsächlich aufgeschlossen, würden zehn Orte von den Kohlebaggern ausradiert und über 3.000 Menschen müssten umsiedeln. Während die nordrhein-westfälische Landesregierung zumindest begonnen hat, genehmigte Tagebaue zu verkleinern, setzen Brandenburg und Sachsen unbeirrt auf eine Ausweitung. Über die gemeinsame Landesplanung mit Brandenburg hat der Berliner Senat hier Einflussmöglichkeiten über die Landesgrenzen hinweg. Die Tagebaue Jänschwalde Nord, Bagenz-Ost und Spremberg-Ost könnten auf diesem Weg verhindert werden.